Das Sommer-Lese-Festival 2017


„Und wir hatten überhaupt keine Angst, obwohl hinter jeder Ecke ein Abenteuer wartete. Denn wer Angst hat vor Abenteuern, der kann gleich zu Hause bleiben.“

Zoran Drvenkar und Jutta Bauer, „Weißt du noch“

 

kor liest programmheft

Was wären wir ohne Neugier auf das Leben?

Was wäre unser Leben ohne die Bereitschaft, sich immer wieder neu überraschen zu lassen – von Menschen, Dingen, Ereignissen? Keine Frage: Das Abenteuer Leben braucht Mut, Wagemut. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, weiß der Volksmund. Die Alternative wäre fader Stillstand: Sich einrichten in einem risikolosen Status quo, sich zufrieden geben mit Bewährtem, die Augen verschließen vor den Optionen der Zukunft – und vor ‚neuen Wegen‘, die uns offen stehen.

Mut ist eine Basis-Tugend, sagt die zeitgenössische Philosophin Rebekka Reinhard, aber leider in Misskredit geraten: Denn unsere Zeit hat es sich in einer Komfortzone bequem gemacht, in der es vor allem um individuelles Wohlbefinden, um Sicherheit und Bequemlichkeit geht. Die Folgen sind allenthalben erkennbar: In der Komfortzone lauern Überdruss, Langeweile und Unzufriedenheit. Wozu das führt, gesellschaftlich und politisch, erleben wir derzeit in Europa und Amerika in vielerlei Weise.

Angesichts dieser Entwicklungen möchte „Korschenbroich liest“ in diesem Jahr Mut zum Mut machen: „Neue Wege“ bedeuten neue Chancen – für jeden einzelnen, für unsere Gesellschaft, für unsere Zeit. Die zeitgenössische Literatur reflektiert in vielerlei Variationen das Ungenügen am Gegebenen und die Sehnsucht nach Auf- und Ausbrüchen: eine neue literarische Naturbegeisterung als Antwort auf die wachsende Entfremdung von Pflanzen- und Tierwelt; das Ausloten neuer Lebensmodelle angesichts einer globalisierten Welt und grenzenloser Mobilität; die Suche nach einer neuen Kultur des Miteinanders in einer Welt wachsender Egoismen und Individualismen. Weil „weiter so“ nicht weiter hilft, ist mit großer Dringlichkeit die Suche nach Sinnstiftung in die Literatur zurückgekehrt, die Suche nach Werten und nach Lebenszielen, für die Verantwortung zu übernehmen lohnt.

Ob man, wie Wolf Küper, dem vorgezeichneten Karriereweg eine radikale Absage erteilt, bei einer kontemplativen Wanderung über die Alpen – oder in der Stille einer Kirche – das eigene Ich neu justiert oder erkundet, welches Potenzial in dem guten alten Europa steckt: Zeitgenössische Autorinnen und Autoren liefern spannendes Material für unsere eigene Suche nach neuen Wegen in eine gelingende Zukunft.

„Korschenbroich liest“ 2017 sucht, erkundet, beschreitet „Neue Wege“, gut zwei Dutzend Mal, an unterschiedlichsten Orten, mit experimentellen und bewährten Formaten – und mit Gästen aus Nah und Fern, die unserem Literaturfestival seinen unverwechselbaren Charme verleihen: Erfolgreiche neue Wege für die Literatur entwickeln sich keineswegs nur im Dunstkreis der großen Kulturzentren. Auch „im Kleinen“ steckt jede Menge Potential. Das demonstriert „Korschenbroich liest“ inzwischen im neunten Jahr.

Zu danken ist an dieser Stelle allen Beteiligten, die als Sponsor oder Fördermitglied, als Gastgeber oder als Akteur zum Gelingen des Festivals beitragen. Nur durch das wunderbar unkomplizierte Zusammenwirken aller lässt sich ein solch umfangreiches Programm erfolgreich meistern.

Zu danken ist vor allem auch Ihnen, unseren Besucherinnen und Besuchern, die mit so viel Freude und Begeisterung unsere Angebote wahrnehmen: Dass Literatur keineswegs ein einsames Geschäft ist bzw. sein muss, stellen Sie bei all unseren Veranstaltungen höchst eindrucksvoll unter Beweis.

In diesem Sinne freuen wir uns auf einen langen Sommer mit spannenden literarischen Angeboten und vielen anregenden und ermutigen Begegnungen. Um ‚neue Wege‘ zu beschreiten, braucht es manchmal nur den richtigen Impuls – ganz im Sinne des großen amerikanischen Naturphilosophen Henry David Thoreau: „Man kann zwar kein neues Leben beginnen, aber täglich einen neuen Tag.“

Korschenbroich, im Juni 2017

 

Dr. Rita Mielke