Das Sommer-Lese-Festival 2019

korliest2019„Die Farbe ist der Ort, wo unser Gehirn und das Weltall einander begegnen.“

Paul Cezanne

 

Literatur beherrscht das Spiel mit Farben meisterlich

Welche Farbe(n) hat das Leben? Rot wie das Blut in unseren Adern? Rot wie Liebe und Hass, Scham und Wut, Sünde und Sinnlichkeit, Leben und Tod? Oder Gelb? Gelb wie die Sonne und das Licht, wie der Neid und die Eifersucht? Oder doch eher Blau? Blau wie der Himmel, der uns Weite und Grenzenlosigkeit ahnen lässt? Blau wie die Sehnsucht – und Blau wie die Melancholie des Blues?

Egal, ob Rot oder Blau oder Gelb: Farben sind ein essentieller Bestandteil unseres Lebens. Das frische Grün des Frühlings, die Schönheit eines Regenbogens, die Intensität eines Sonnenuntergangs prägen sich mit ihrer Farbfülle tief in unser Bewusstsein ein. Welchen Einfluss Farben auf unsere Seele haben, spüren wir besonders nachhaltig in Zeiten, in denen ein Tag so grau wie der andere ist. Da sehen wir womöglich nur noch Schwarz und hoffen darauf, dass das Blatt des Lebens sich wendet und uns das frische Weiß eines Neuanfangs offeriert.

Aber nicht nur um unser alltägliches Leben, auch um unsere Kultur wäre es ohne Farbe schlecht bestellt. Die komplexen, tief in unserem Erfahrungsschatz verankerten Bedeutungsdimensionen von Farben liefern den Schlüssel zu Kunst und Malerei. Sie beflügeln das Spiel mit Mode und Kleidung und liefern den Code für Kommunikation im Alltag – vom Rotstift des Lehrers bis zur grünen Ampel im Straßenverkehr.

Literatur beherrscht das Spiel mit Farben meisterlich – und das nicht erst, seit die Romantiker die „blaue Blume“ zur Inkarnation für die romantische Sehnsucht nach dem Unerreichbaren und Unbedingten erklärt haben. Literatur ist die Meisterin der Zwischentöne. Ihre vornehmste Aufgabe ist es, das unendliche Spektrum all der feinen Nuancen, der Farbabstufungen und Farbschattierungen zu beschreiben, als dass menschliche Existenz zu begreifen ist. Leben beginnt, wo Rot und Blau und Gelb aufeinandertreffen, einander ins Gehege kommen, miteinander ringen, aneinander wachsen – oder manchmal auch zugrunde gehen. Literatur hilft uns zu verstehen, dass unser aller Leben niemals eindimensional ist, niemals nur Rot oder Gelb, sondern immer ein Konglomerat – unverwechselbar und einzigartig wie wir selbst.

Gerade deshalb brauchen wir die Literatur so dringlich – heute mehr denn je: Denn wir leben in einer Zeit der „Weltvereinfacher“, in einer Zeit, die auf unsere komplexe und komplizierte Lebenswirklichkeit schlichte Antworten in Twitter-Länge sucht. Populisten mit banalen Simplifizierungsangeboten erwecken nur zu gern den Eindruck, mit einem (allzu) schlichten Schema von Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Richtig und Falsch ließe sich unsere Welt erklären, ja, verstehen. Wer schwarz-weiß denkt, dem graut vor Zwischentönen, hat der deutsche Literat Jürgen Wilbert es einmal treffend auf den Punkt gebracht. Die Illusion radikaler Vereinfachung erstickt jedes Nachdenken, jeden Diskurs, jeden Dialog. Hier kommt die Literatur ins Spiel: Denn sie entlarvt die Fadenscheinigkeit allzu großspuriger Simplifizierungen. Und sie lehrt Bescheidenheit als intellektuelle Tugend: Zwischen Schwarz und Weiß liegt ein Universum feiner und feinster Schattierungen. Davon auch nur ein Winziges zu begreifen, ist schon eine Lebensleistung.

Den „Farben des Lebens“ widmet sich das diesjährige Literaturfestival „Korschenbroich liest“. In zwei Dutzend Veranstaltungen bringt es literarische Farben zum Klingen und lädt dazu ein, sich auf das Abenteuer einer Welt in Rot und Grün und Blau und Gelb mitsamt allen nur vorstellbaren Zwischentönen einzulassen.

Unser herzlicher Dank gilt allen, die auch in diesem Jahr wieder als Sponsor oder Fördermitglied, als Gastgeber oder Organisator zum Gelingen des Festivals beitragen – und natürlich Ihnen, unseren treuen Besucherinnen und Besuchern, die erst für die nötige ‚Farbenvielfalt‘ bei unseren Veranstaltungen sorgen.

Wir freuen uns sehr auf einen langen und vor allem ‚bunten‘ Literatursommer mit Ihnen. Wie sagte schon Walter Gropius, der berühmte Bauhaus-Gründer, an den im Bauhaus-Jubiläumsjahr trefflich zu erinnern ist: „Bunt ist meine Lieblingsfarbe“.

Korschenbroich, im Juni 2019 

Dr. Rita Mielke